Filmplakat Arrival
9/10

„Man kann sich mit Kommunikation auskennen und doch Single bleiben.“ (Arrival, 2016)


Arrival

Besprechung

Plötzlich sind sie da: Zwölf riesige, schwarze, glatte Raumschiffe, überall auf der Welt verteilt. 450 Meter hoch sind sie und sie schweben wenige Meter über dem Boden oder dem Wasser. Niemand weiß, woher sie kommen oder was sie hier wollen. Also muss man fragen. Colonel Weber (Forest Whitaker) steht deshalb kurz nach der Ankunft der Raumschiffe bei der Sprachwissenschaftlerin Dr. Louise Banks (Amy Adams) im Büro und lädt sie ein, die Sprache der Aliens zu entschlüsseln, damit man sich vernünftig vorstellen kann. Man will ja keinen Fehler machen.

Neben Banks ist auch der Mathematiker Ian Donnelly (Jeremy Renner) mit von der Partie. Die beiden Wissenschaftler werden zu dem Raumschiff nach Montana gebracht, wo sie schnell den ersten Kontakt aufnehmen – nur um zu erkennen, dass man die gesprochene Sprache nicht lernen kann. Deshalb schwenkt Louise um auf das geschriebene Wort. Doch die riesigen, siebenbeinigen Wesen haben eine recht seltsame Schriftsprache. Sie ist rund und sieht aus wie Kaffeeflecken.

Während Louise und Ian versuchen, das Rätsel um die Sprache zu lösen, wird die Welt immer unruhiger. Menschen haben Angst vor den ruhig schwebenden Raumschiffen. Plünderungen sind an der Tagesordnung. Die zwölf Länder in denen die Außerirdischen gelandet sind, arbeiten von Anfang an zusammen, doch mit der Zeit kommt auch hier Unruhe auf. Allen voran hat der chinesische General Shang (Tzi Ma) seinen Finger sehr lose am Abzug. Die Gemeinschaft der Wissenschaftler scheint zu zerbrechen. Louise gerät unter Druck. Zudem wird sie immer öfter von Erinnerungen an ihre Tochter heimgesucht.

Meinung von

Okay: Wow. Ich stehe ja auf SciFi-Filme. Das Kino war (am zweiten Tag nach dem Start) auch sehr voll und wie wir feststellen mussten, war es hauptsächlich ein männliches Publikum. Also ist dieses Genre eher ein männliches. Wer aber von den Anwesenden einen CGI-geladenen, Raumschiffschlachten strotzenden, eklige Aliens zeigenden Film erwartet hat, der wurde herbe enttäuscht. Zum Glück habe ich das alles nicht erwartet. Arrival ist ein sehr ruhiger, ein schöner Film. Er lässt sich sehr viel Zeit, die Figuren zu zeichnen, zeigt die äußeren Umstände, wie die Ängste der Menschen wenn sie mit etwas konfrontiert werden, das sie nicht kennen und verstehen. Wir sehen auch die üblichen Aggressoren wie den Radio-Moderator, der dazu aufruft, den Aliens eins vor den Bug zu schießen und Stärke zu beweisen. Dabei machen die Aliens nichts. Ihre Raumschiffe stehen stumm herum, Menschen werden eingeladen alle 18 Stunden in die Schiffe zu kommen und den Versuch einer Kommunikation aufzunehmen. Dennoch fürchten sich die Menschen und werden aggressiv. So sind sie … Was sie nicht verstehen, das fürchten sie.

Louise versucht hingegen den Schritt der Verständigung sauber hinzubekommen. Das Militär drängt natürlich, will die Frage stellen, was der Grund für den Aufenthalt der Aliens auf der Erde ist. Doch Louise weiß, dass man so nicht einfach reinplatzen kann mit einer Frage. Es müssen Grundregeln und Grundverständnisse aufgebaut werden. Das dauert. Aber wer sich darüber hinwegsetzt, läuft Gefahr, falsch verstanden zu werden. Kommunikation ist und bleibt immer ein heikles Thema. Nicht nur im Film.

Arrival thematisiert u.a. die Sapir-Whorf-Theorie, wonach die Sprache unser Weltbild bestimmt. Ein Wort kann in zwei Sprachen etwas anderes bedeuten, es kann aber auch sein, dass es ein Wort in der anderen Sprache gar nicht gibt – wie kann man sich da vernünftig und "im selben Sinne“ unterhalten? Wie fragil ist es, sich mit solchen heiklen Unterschieden in den Sprachen zu verständigen? Das gilt nicht nur im Verhältnis Mensch-Alien, sondern auch zwischen den Völkern auf dieser Erde. Während Louise versucht mit absoluten Basics aus dem Kindergarten die Sprache an die Aliens heranzubringen, versuchen die Chinesen es im Film offensichtlich mit Spielen. Nur bedeutet das auch, dass es immer einen Gewinner und einen Verlierer geben muss. Ist das eine gute Strategie in eine Konversation einzusteigen, in dem man seinem Gegenüber Dominanz zeigt?

Es geht also um Sprache auf der einen Seite und um Verständigung. Regisseur Denis Villeneuve zeigt uns nicht nur ein Lehrstück über Kommunikation, sondern auch einen SciFi. Das passiert jedoch nicht, indem er nur stumpf ein paar Aliens auf die Leinwand wirft und fertig ist der SciFi-Film. Da ist noch mehr.

Ab hier Spoiler: Die Rückblenden und Erinnerungen an Louises Tochter Hannah, die von Anfang an vorhanden sind, lassen uns denken, sie habe eine Tochter gehabt, die sie schmerzlich vermisst, nachdem sie sie verloren hat. Doch erst gen Ende wird klar, dass es zukünftige Erinnerungen sind.

Was wollen die Aliens? Sie wollen Hilfe. In vielen, vielen Jahren erst, aber für die Außerirdischen ist Zeit ein anderes Konstrukt als für uns, für sie ist Zeit nicht-linear. Und als Louise die Sprache der Aliens immer mehr durchdringt, verändert sich ihr Gehirn, verändert sich ihr Weltbild. Sprache bestimmt unsere Sichtweise. Louise sieht, was kommt. Der Ringschluss an der Geschichte ist – und das hat mich doch sehr berührt –, dass die Sprachwissenschaftlerin den bevorstehenden Weg geht, obwohl sie weiß, dass er schmerzhaft enden wird. Dafür will und wird sie den Weg vollkommen genießen. Ein schöner Gedanke, ein Gedanke, den jeder für sich selber finden muss. Wenn man wüsste, wie das eigene Leben endet – würde man etwas anders machen?

Arrival ist ein wunderschöner, ruhiger Film mit einer guten Moral. Er ist sehr beeindruckend fotografiert. Es herrschen sehr viele horizontale Linien vor. Was interessant ist, ist die Sprache der Aliens doch rund und zeitungebunden. Amy Adams spielt überzeugend, Renner ist zurückhaltend, aber wenn er darf, ist sein Charakter wie ein kleiner Junge fasziniert von dem, was um ihn herum passiert. Leider wird der Film kaum lange in den (deutschen) Kinos bleiben, was sehr schade ist. Endlich mal wieder ein guter, intelligenter Film mit einer tollen Geschichte. Ich empfehle ihn.

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