Filmplakat Apocalypse Now
9/10

„Selbst der Dschungel wollte seinen Tod.“ (Apocalypse Now, 1979)


Apocalypse Now

Besprechung

Captain Benjamin Willard (Martin Sheen) hockt mitten im Vietnamkrieg in Saigon und wartet darauf, dass er wieder einen Auftrag erhält. Er will zurück an die Front. Da wird er mit einer brisanten Mission betraut. Er soll einen Fluss hochschippern, in Richtung Kambodscha, und den verrückt gewordenen Colonel Walter E. Kurtz (Marlon Brando) beseitigen. Kurtz, ein einst hochdekorierter Green Beret, lebt dort im Dschungel und macht seine eigenen Regeln. Die Einheimischen beten ihn wie einen Gott an.

Willard macht sich auf den Weg in den Norden. Das Aufklärungsschiff, auf dem er unterkommt, wird von Chief Phillips (Albert Hall) gesteuert. Mit an Bord ist der bekannte Surfer Lance B. Johnson (Sam Bottoms), Jay „Chef“ Hicks (Frederic Forrest) sowie der gerade einmal 17-jährige Tyrone “Clean” Miller (Laurence Fishburne).

Auf ihrer Tour nach Kambodscha erleben die Soldaten den Wahnsinn des Krieges in all seinen Facetten. Da ist der völlig durchgeknallte “Cowboy” Lieutenant Colonel Bill Kilgore (Robert Duvall) von der 1. US-Luftkavellerie, der seine Luftangriff mit Wagners Walküren-Ritt einläutet, auf dass sich der Feind “in die Hosen scheißt”. Kilgore ist so weit von der Realität entfernt, dass er inmitten einen Gefechts seine Leute zum Surfen schickt und selber auch mit aufs Brett will.

Weiter im Dschungel, in der Versorgungsstation Hau Phat, gerät das Quintett mitten in eine Festivität: Zur Truppenunterhaltung wurden Playmates eingeflogen – was die Truppe zu Tieren werden lässt. Die Playmates treffen sie später weiter flussaufwärts noch einmal – mittlerweile völlig von den Schrecken des Krieges überwältigt und in psychische Abgründe gestürzt. Als das Boot an der Do-Lung-Brücke an der Grenze zu Kambodscha angelangt, zeigt sich, wie zerbrechlich die Menschen in einem Krieg sind. Menschen findet Willard kaum noch vor.

Dann geht es ins Reich des Colonel Kurtz. Willard hat dessen Dossier ausgiebig studiert und kann mittlerweile nur noch Bewunderung für diesen Mann empfinden, den er umbringen soll.

Meinung von

Ohne Zweifel ist Apocalypse Now einer der besten Anti-Kriegsfilme überhaupt. Die Geschichte des Colonel Kurtz, der sich im Dschungel verschanzt hat und völlig durchgedreht ist, basiert lose auf der Erzählung Herz der Finsternis von Joseph Conrad. Dort ist es der Kongo, der ins Herz Afrikas führt, in Apocalypse Now hat sich der verrückte Kurtz in Kambodscha verkrochen.

Schaut man Apocalypse Now an, kommt einem sehr schnell ein Wort in den Sinn: Wahnsinn! Das ist alles Wahnsinn, was dort passiert ist. Jeder, der mit dem Krieg zu tun hatte, wurde früher oder später verrückt, verlor seine Menschlichkeit. Was Coppola aufdeckte war die Bipolarität des Menschen. Auch wenn man ein liebevoller Mensch ist, so hat man doch auch das Tier in sich, das Monster, den Mörder. Der Vietnamkrieg hat dieses Biest bei vielen Menschen hervorgebracht.

Erstes Beispiel ist Willard selber, wie er in dem Hotelzimmer auf seinen Einsatz wartet. Er hat sich von seiner Frau getrennt und will zurück in den Dschungel. Er ist getrieben von seinen Dämonen, auch wenn sie noch nicht ganz an der Oberfläche sind. Nächster Fall ist Kilgore. Robert Duvall ist ein famoser Cowboy im Dschungel. Er nutzt die Musik Wagners als Einschüchterungstaktik und freut sich darüber, wenn seine Gegner Angst bekommen. Er lebt in seiner eigenen Welt. Wenn sich jeder im Granatenhagel wegduckt, bleibt er stehen, als wäre nichts. Mitten im Gefecht will er surfen. Duvall spielt großartig und hat wohl eines der bedeutendsten Filmzitate abgeliefert, das es je gab: Ich liebe den Duft von Napalm am Morgen.

Im Laufe der Reise wird Lance auch immer seltsamer. Er verkriecht sich in einer Welt, die von Drogen geschwängert ist und nichts mehr mit der Realität, nichts mehr mit dem Grauen um ihn herum zu tun hat. Wenn die Truppe an der Do-Lung-Brücke ankommt, wird die nächtliche Szenerie von unheimlichem Gejaule des Vietcongs untermalt. Traumhaft wird geschossen, abwesend gemordet. Die Menschen funktionieren nur noch, sie sind nicht mehr. Und sie funktionieren kaputt. Später gelangt das Boot an einen weit im Norden gelegenen Posten und Willard will den Kommandanten sprechen, doch der ist schon seit einiger Zeit tot. Die übergebliebenen Soldaten schieben auch nur noch mechanisch ihren Dienst. Sie wissen nicht mehr, was sie sonst machen sollen. Die Playmates, die hier gestrandet sind, haben mittlerweile den Verstand verloren. Überall, den gesamten Film über, sieht man Wahnsinn.

Der wird noch größer, wenn sich Willard dem Lager Kurtz’ nähert. Kurtz wird gottgleich verehrt und wie ein Gott ist er auch gütig und grausam zugleich. Überall liegen Tote herum, hängen von Bäumen, abgetrennte Köpfe verrotten in der brütenden Hitze des Dschungels. Alles das Werk von Kurtz. Willard verfällt den Reden Kurtz. Doch kann er sich seines Auftrags doch noch besinnen. Ja, Kurtz fordert ihn sogar dazu auf, ihn umzubringen. Der Wahnsinn von Colonel Kurtz, diesem einst aufstrebenden Soldaten, kommt nicht von ungefähr. Auch Kurtz ist vom Krieg gebrochen. Er erklärt, dass das Grauen, das die Menschen in diesem Krieg umgibt, entweder ein Feind oder ein Freund sein kann. Ist es der Feind, wird man daran zugrunde gehen. Kurtz hat das Grauen akzeptiert und für sich angenommen. Er lebt das Grauen, damit er nicht daran kaputt geht.

Regisseur Francis Ford Coppola schrieb auch am Drehbuch, verlagerte die Handlung in den Vietnam-Krieg, der gerade vorbei war und ein riesiges Trauma in den Staaten verursacht hatte. Der Film stand von Anfang an unter einem schlechten Stern. Coppola, durch die ersten beiden Teile des Paten wohlhabend geworden, stieg zur Realisierung des Stoffes mit seinem eigenen Vermögen in die Finanzierung ein. Gedreht wurde in Thailand. Mit dem Militär ging man einen Deal ein, um Hubschrauber zu haben, doch das Militär zog immer wieder Hubschrauber ab und ersetzte die Piloten, so dass es ständig zu Drehverzögerungen kam. Außerdem hatte Coppola von Anfang an Schwierigkeiten, ein vernünftiges Ende zu finden.

Bei den Dreharbeiten kam es ständig zu Verspätungen. Coppola bat Marlon Brando um Verschiebung der drei Wochen, die Brando zugesagt hatte, doch der stellte auf stur und wollte aussteigen - ohne den Vorschuss von 1 Mio Dollar zurückzugeben. Martin Sheen, der eine blendende Darstellung des Captain Willard gibt, verausgabte sich so sehr bei den Dreharbeiten, dass er – gerade einmal 36 Jahre alt geworden – einen Herzinfarkt erlitt. In den folgenden Wochen drehte man mit einem Double, die Nahaufnahmen mit Sheen wurden erst nach seiner Rückkehr nachgedreht.

Schließlich musste Coppola feststellen, dass sein "bestes Pferd" im Stall, Brando, nicht zur zu fett geworden war, sondern auch die Vorlage Herz der Finsternis nicht gelesen hatte. So wurde alles noch mal schwerer. Der Regisseur war selber kurz vor dem Nervenzusammenbruch, sah seinen Film als großen Mist an und wollte schmeißen. Coppola sagte später über seinen Film: My film is not about Vietnam. It is Vietnam. It’s what it was really like. It was crazy. Der Film, die Schauspieler, die Umstände der Entstehung – alles ein einziger Wahnsinn.

Von den Aufnahmen sind einige extrem einprägsam. Da gibt es z.B. die Einstellung von Marlon Brando, kahlrasiert, sein Schädel scheint sich aus dem Dunkeln hervor, er wäscht sich, alles von einer Seite beschienen. Das ist ebenso großartig wie die Szene, in der sich Martin Sheen, mit Tarnfarbe im Gesicht, aus dem dampfenden Wasser des Flusses erhebt, um auf die Jagd nach Colonel Kurtz zu gehen. In dieser Einstellung sehen wir das Tier in Willard aufblitzen.

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