Filmplakat A Quiet Place
8/10

„Was sind wir für Eltern, wenn wir sie nicht beschützen können?“ (A Quiet Place, 2018)


A Quiet Place

Besprechung

Aliens sind vor einiger Zeit auf der Erde gelandet und haben fast alle Menschen dezimiert. Lee (John Krasinski) und Evelyn Abbott (Emily Blunt) leben mit ihren Kinder im Stillen. Die Aliens sind zwar blind, dafür hören sie um so besser – und vernichten rasend schnell jeden, den sie zu Ohren bekommen. Die Familie versucht alles, um so geräuscharm wie möglich zu sein. Es wird sich in Zeichensprache unterhalten – auch weil Tochter Regan (Millicent Simmonds) taub ist. Man läuft barfuß auf extra feinem Sand, denn jedes Geräusch ist tödlich.

Schon früh hat die Familie ihr jüngstes Mitglied, den vierjährigen Beau (Cade Woodward), an die Monster verloren. Regan macht sich seit dem große Vorwürfe, denkt, dass es ihre Schuld war und alle das ebenso sehen. Doch auch Evelyn hat Schuldgefühle.

Die Gesamtsituation ist mehr als mies. Wie kann man so leben? Wenn man Schmerzen hat oder sich ärgert kann man nicht schreien. Es wird nicht gelacht. All das würde den sicheren Tod bedeuten, denn in den Wäldern um das Haus der Abbotts lungern mindestens drei der Kreaturen und warten nur darauf, dass sich ihre Beute verrät. Dass Evelyn demnächst ein Kind erwartet macht es nicht gerade leichter…

Meinung von

Uh, Außerirdische. Ja, Außerirdische und eine enorme Bedrohung. Die Viecher sind mächtig flink und haben ein extrem gutes Gehör. Der Mensch macht nun einmal immer irgendwelche Geräusche. Beim Gehen, beim Atmen, wenn er mit anderen Interagieren will. Das Leben der Abbotts ist von Regeln beherrscht und geradezu klaustrophobisch. Niemals den Weg verlassen, Treppenstufen nur an bestimmten Stellen betreten, sonst könnten sie knarzende Geräusche von sich geben. Für den Zuschauer ist es zunächst extrem ungewohnt. Kein gesprochenes Wort, nur Zeichensprache und deren Übersetzung am unteren Bildrand. Ein Wunder, dass die Leute nicht mosernd aus dem Saal gegangen sind.

Regisseur und Hauptdarsteller John Krasinski geht einen gewagten Weg und bleibt seinem Motto treu, kein Wort zu sagen. Okay, es gibt Situationen unter denen man etwas sagen kann. Aber unterm Strich ist das Gesprochene sehr selten. Ist A Quiet Place deshalb langweilig? Die Vermutung liegt nahe. Wer schaut heute noch Stummfilme? Außer mir … Es ist der Anfang, der dem Zuschauer schwer fällt, muss er sich doch erst einmal auf die Stille in A Quiet Place einlassen. Aber irgendwann ist die Abwesenheit von Gesprochenem absolut natürlich - auch für den Kinogänger. Wenn dann doch mal ein Laut aus den Boxen kommt, ist dieser geradezu ohrenbetäubend und auf alle Fälle erschreckend.

Es ist nicht nur der Überlebenskampf, der uns gezeigt wird. Es ist auch das Drama innerhalb der Familie. Sohn Marcus (Noah Jupe) hat unsagbare Angst vor den Monstern, lebt in sich zurückgezogen. Regan quält der Gedanke, dass sie am Tod ihres kleinen Bruders Schuld ist und sie ihr Vater nicht mehr lieben würde. Die Eltern leben in der Angst ihre Kinder nicht beschützen zu können. Wenn kein Ton gesprochen wird, muss der Schauspieler seine Gefühle rein über das Schauspiel und seine Mimik vermitteln. Sowohl John Krasinski als auch seine Ehefrau Emily Blunt machen hier einen ganz großen Job. Lee sieht man seine ständigen Sorgen an. Evelyn versucht Normalität zu vermitteln, doch die Umstände erlauben es nicht. Hut ab für die schauspielerische Leistung.

Der Film ist wie gesagt gewöhnungsbedürftig, scheint sich auch zunächst hinzuziehen, legt gen Ende aber ein strammes Tempo hin. Dabei gibt es keine Verfolgungsfahrten, keine Explosionen, keine flotten Sprüche – der Film wirkt anders. Hinter mir war ein Typ, den hat es nicht mehr im Sessel gehalten, der jammerte laut, bei der Szene, in der Evelyn – die Fruchtblase gerade geplatzt – in den Keller schleicht und volle Kanne in einen Nagel tritt. Du darfst nicht schreien, nicht weinen – sonst bist Du ratz-fatz tot. Das war wohl die fieseste Geburt, die es je auf der Leinwand zu sehen gab … Aber auch die Szene im Mais-Silo: Noch jemand Interesse am Knabbern an den Fingernägeln?

Wenn man sich drauf einlässt, ist A Quiet Place ein besonderes Kinoerlebnis. Wir lernen schnell, unsere Sinne umzustellen, tauchen in die Welt der Lautlosigkeit ein. Und dann die Monster … Die sehen wir zunächst nicht richtig. Das macht den Schrecken natürlich größer. Erst gen Ende sehen wir mehr von den Viechern, ihre langen Vorderextremitäten, ihre riesigen Zähne, ihre Kopf-Platten, die wie Satelliten-Schüsseln aufgestellt werden können. Sehen schon böse aus.

Wer einmal einen "anderen Horror-Film" sehen will, ganz ohne Gore, Splatter o.ä., sondern einen erzwungen ruhigen Streifen, der trotz seiner Unspektakularität wirkt, der ist mit A Quiet Place bestens bedient.

Ich muss gestehen, ich war zwischendurch an dem Punkt, wo ich dachte Fuck, was soll ich dem Film geben!? Das ist doch niemals eine 5 wert.. Das Ende ist dann aber so spannend und mitreißend, dass am Ende doch eine gute Punktzahl dabei heraus kam. Kumpel T., der mit im Kino war, meinte nach dem Film auch, er müsse erst einmal darüber schlafen, den Film verdauen. Ist eben eine sehr ungewöhnliche Art, einen Film heutzutage zu drehen. Irgendwie bin ich aber dankbar dafür, in einer Welt, in der es immer lauter und hektischer wird, einen so entschleunigten Film zu sehen. Und das, obwohl Michael Bay (!), der Meister des Krach-Kinos den Film produziert hat. Man höre und staune – oder eben nur staunen ...

Unvergesslich Emily Blunts letzter Blick …

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