Filmplakat A Girl Walks Home Alone at Night
8/10

„Sie haben vergessen was Wollen ist.“ (A Girl Walks Home Alone at Night, 2014)


A Girl Walks Home Alone at Night

Besprechung

Bad City ist eine traurige Stadt im Iran. Hoffnung gibt es hier nicht, dafür Junkies, Huren, Dealer und Obdachlose. Arash (Arash Marandi) lebt hier mit seinem drogenabhängigen Vater Hossein (Marshall Manesh). Arash hat sich sechs Jahre lang den Arsch aufgerissen, um sich seinen Traumwagen leisten zu können. Weil sein Vater Schulden hat, nimmt ihm der Dealer Saeed (Dominic Rains) den Wagen weg.

Auf dem nächtlichen Heimweg zu Fuß stellt Saeed fest, dass er von einer jungen Frau (Sheila Vand) verfolgt wird. Sie sagt nichts, doch auf Saeeds Einladung reagiert sie und kommt mit. Saeed wittert leichte Beute. Die junge Frau fängt auch schon genüßlich an seinem Finger an zu nuckeln – dann beißt sie ihn ab. Anschließend saugt sie dem Dealer sein Blut aus.

Vor der Tür begegnen sich Arash und das Mädchen zum ersten Mal. Das zweite Mal passiert, als Arash unter Drogeneinfluss von einer Party kommt. Hier treffen zwei einsame Seelen aufeinander.

Meinung von

Manchmal tauchen sie doch noch auf – die Kleinode der Filmkunst. Die iranischstämmige Regisseurin und Autorin Ana Lily Amirpour schafft hier einen sehr besonderen Film. Sie erzählt die Geschichte, dass sie bei einem anderen Dreh eine Frau mit Tschador sah. Sie zog sich die Tschador an und wusste, dass sie so auf einem Skateboard die Straßen entlang fahren wollte. Dieses Bild sehen wir auch im Film.

A Girl Walks Home Alone at Night ist in so vieler Hinsicht besonders. Zum einen ist er in Schwarz-Weiß gedreht. Die Schauspieler sprechen alle Farsi. Amirpour schuf mit A Girl Walks Home Alone at Night den ersten iranischen Vampirfilm. Tiefe, tiefe Schatten bestimmen die Nacht in Bad City. Nicht nur vom Licht her, sondern auch die Schatten in den Seelen der Bewohner.

Die Menschen gehen täglich an einem Graben vorbei, in dem sich Leichen türmen. Das ist ganz normal. Wir haben den Drogenkonsum, die Prostitution – und unseren Vampir. Eine kleine, dreckige Stadt, in der immer wieder meist böse Menschen verschwinden. Niemand scheint sich daran zu stören.

Das Mädchen lebt alleine, hört gerne 80er-Jahre-Musik, stiehlt sich Geld zusammen und trinkt Blut. Wenn sie ausgeht, trägt sie die Tschador wie Batman seinen Umhang. Das ist schon geschickt gemacht: Batman = Fledermaus = Vampir. Wenn das Mädchen dann, wie oben beschrieben, die Straße mit einem Skateboard herunterfährt, links und rechts Schatten, dann ist das wirklich ein großartiges Bild. Tolle Bilder gibt es einige in A Girl Walks Home Alone at Night zu bewundern. Das macht ihn sehenswert.

Es wird nicht viel geredet. Arash und das Mädchen finden in dem Anderen etwas, das sie in sich selber haben, wodurch sie sich angezogen fühlen. Es gibt diese Einstellung, in der das Mädchen in ihrer Wohnung am Plattenteller steht und sich Arash ganz, ganz langsam von hinten annähert, um dann ihr Haar zu riechen. Das ist eine wahnsinnig schöne Szene voller Sehnsucht und Traurigkeit, aber auch süßer Erwartung.

Das Mädchen lebt schon lange. Wir erfahren es zwar nicht aus dem Film, aber Regisseurin Amirpour hat sich viele Gedanken zur Hintergrundgeschichte des Mädchens gemacht. Sie macht das Mädchen 187 Jahre alt. Ein altes Wesen in einem vermeintlich jungen Körper. Ein altes Wesen, das viele böse Dinge gemacht hat und vielleicht nie, aber auf alle Fälle vor langer Zeit zuletzt Liebe erfahren hat.

A Girl Walks Home Alone at Night wurde übrigens nicht nur mit amerikanischen Schauspielern gedreht, die alle einen iranischen Hintergrund haben (bis auf Arash Marandi, der aus Deutschland stammt). Der Film wurde auch in Kalifornien abgedreht. Amirpour hat ein gutes Händchen gehabt beim Aussuchen der trostlosen Flecken, die dann Bad City sein sollen.

Obwohl nicht viel passiert und auch nicht umwerfend viel gesprochen wird, wirkt A Girl Walks Home Alone at Night zum einen durch seine wunderbare Bilderwelt, aber auch die Geschichte bewegt. Ich mochte den Film. Man darf – obwohl Vampirfilm – keine Blutfontänen, Monsterfänge oder gar Eingeweide erwarten. Auch der Hollywood-typische ach-so-erotische Aspekt des Vampirismus ist hier kein Thema.

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